Aktiv und für das Gemeinwohl prädestiniert

Gutzeit
Jürgen Gutzeit (80) engagiert sich noch immer im Schwarzwaldverein, beim ADFC und bei den Pfadfindern
Wenn es ums Altern geht, drehen sich viele Berichte um Themen wie Pflegebedürftigkeit, Demenz und Einsamkeit. Doch gibt es auch viele Beispiele für Seniorinnen und Senioren, die aktiv am Leben teilnehmen können und dies auch mit großer Freude tun.
Es gibt einen Satz, der für den 80-jährigen Jürgen Gutzeit aus Bühl charakteristisch ist: „Freizeit habe ich eigentlich nicht“, sagt er auf Nachfrage. Ja, der „ewige Junggeselle“, wie er sich selbst bezeichnet, ist ständig unterwegs – oder zumindest am Büroschreibtisch aktiv: Für den Schwarzwaldverein, dessen Vorsitz er viele Jahre innehatte (heute ist er dort Kassier und organisiert weiterhin Wander- und Radtouren); für den Allgemeinen Deutschen Fahrradclub; für die Pfadfinder auf Bundesebene. Er hat in seinem bewegten Leben immer wieder neue Menschen kennengelernt, viele Kontakte pflegt er bis heute. „Es hat mich stets zu Gruppen hingezogen“, sagt er, und fügt hinzu: „Vielleicht, weil ich ein Einzelkind war.“ Gutzeit erinnert sich.
In Ostpreußen geboren, waren Mutter und Sohn 1945 zur Flucht gezwungen (der Vater blieb verschollen). Das Schiff, mit dem sie in die Ostsee stießen, brachte sie indes nicht wie erwartet nach Flensburg, sondern nach Dänemark. Erst zwei Jahre später durften sie ihr Sammelquartier verlassen: „Man musste eine Wohnung in Deutschland nachweisen“, so Gutzeit. „Wir waren mit meiner Tante geflüchtet, und deren Mann – ein Kriegsheimkehrer – fand für uns alle schließlich eine Unterkunft im Rheinland.“
Vier Jahre verbrachte die Familie dort, bis der Onkel nach Karlsruhe versetzt wurde. „Meine Mutter und ich gingen mit.“ Die Fächerstadt ist es denn auch, die Gutzeit zur Heimat wurde. „Ich lebte über 20 Jahre in Karlsruhe, wurde Pfadfinder, machte meine Mittlere Reife, ging zur Deutschen Bank.“ Ein Intermezzo in Frankfurt, wohin er befördert wurde, beendete er relativ bald: „Die große Stadt und die große Arbeitsstelle gefielen mir nicht.“ Er bewarb sich für eine Organisations- und Revisionsstelle in Bühl, die er bekam – und behielt, bis zu seiner Rente 1998.
Ja, in Bühl fühlte er sich schnell heimisch, genoss auch die Nähe zu Karlsruhe. „Nach der Wende pendelte ich beruflich zwischen Bühl und Leipzig, das war hochinteressant. Dort betreuten wir eine Raiffeisenbank.“ Das Reisen macht ihm von jeher großen Spaß: Da denkt er zuallererst an „das rollende Hotel“, sprich organisierte Busfahrten mit Übernachtungen im Anhänger. „Auf die Weise lernte ich etwa Nepal, Indien oder Tansania kennen, oft begleitet von Bekannten.“
Mit Blick auf das Hier und Jetzt berichtet er von den Touren, die er noch immer für den Schwarzwaldverein organisiert: Mehrtägige Wanderungen im Bregenzer Wald oder auch Radtouren durch Holland und die Donau entlang. Viele Jahre lang kegelte er, über ein Angebot für Senioren übte er sich auch in Karate. „Ernsthaft krank“, sagt er in dem Kontext, „war ich bis vor drei Jahren nie“. Auch die Herzprobleme, die er über Tabletten recht gut im Griff hat, konnten ihn nicht von seinen Aktivitäten abhalten. „Zu Hause sitzen und über meine Wehwehchen klagen, das ist nichts für mich.“ Seit nunmehr 64 Jahren ist Gutzeit ehrenamtlich aktiv, und seinen „positiven Lebenswandel“ möchte er nicht aufgeben, schreibt er ihm doch ein Stück weit seine körperliche und geistige Fitness zu. Der Träger der Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg zählt auch zu den wenigen Senioren, die sich bestens im Internet zurechtfinden; seinen Freundes- und Bekanntenkreis beschränkt er bewusst nicht auf Gleichaltrige. „Hier im Haus wohnte mal eine alte Dame, die fast nur allein war. Sie erzählte mir, dass all ihre Bezugspersonen weggestorben seien. Das wird mir nicht passieren.“
Um sechs Uhr morgens steht Gutzeit unter der Woche auf („Ich habe noch so viele Aufgaben“), lediglich am Wochenende bleibt er gern länger im Bett. Da klingelt der Wecker später: „Erst um sieben Uhr.“
Acher- und Bühler Bote, 25.02.2017